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Fragen und Antworten

Es wäre weder sinnvoll noch möglich, die Brailleschrift abschließend zu regeln. Bei der Erstellung der Regelwerke ist die künftige Entwicklung in der Schriftsprache noch nicht bekannt und es kann nicht einmal an alle Eventualitäten auf dem aktuellen Entwicklungsstand gedacht werden.

Das Komitee wird gelegentlich gebeten, eine Entscheidung in Fragen zu fällen, die von den Regeln offengelassen werden. Die Antworten auf diese Fragen haben keinen verpflichtenden Charakter und müssen auch nicht auf künftige Regelungen hinweisen. Da sie für andere Interessierte nützlich sein könnten, werden sie hier veröffentlicht.


Wie werden Wörter in der Kurzschrift geschrieben, die aus einem einzelnen Großbuchstaben bestehen?

Oder: Wie schreibt man "O du fröhliche, o du selige ..."?

Wörter, die aus einem Buchstaben bestehen, müssen von einformigen Wortkürzungen unterscheidbar bleiben. Ohne Kennzeichnung bedeutet der alleinstehende Buchstabe o das Wort "oder". Um das Wort "o" zu schreiben, stellt man dem o das Aufhebungszeichen Punkt 6 voran.

Der Punkt 6 wird ebenfalls als Ankündigungszeichen für Kleinbuchstaben verwendet. Daher ist beim Lesen von Punkt 6 und o die Funktion des Punkt 6 nicht eindeutig.

Bei großgeschriebenen Wörtern aus einzelnen Buchstaben gibt es zwei Möglichkeiten der Darstellung: Entweder wird - wie bei den meisten Wörtern üblich - die Großschreibung nicht gekennzeichnet und ein Punkt 6 vor den Buchstaben gesetzt, oder man verwendet das Ankündigungszeichen für einen einzelnen Großbuchstaben (Punkte 4,5).

Weil es hier primär darum geht, eine Kürzung aufzulösen, empfiehlt das BSKDL in solchen Situationen Punkt 6 - also das Aufhebungszeichen - zu setzen. Damit werden Wörter, die nur am Satzanfang großgeschrieben werden, ungeachtet der Stellung im Satz immer gleich geschrieben. So zum Beispiel beide Vorkommen des Wortes "o" in "O du fröhliche, o du selige ...".

Wo jedoch der einzelne Buchstabe als Buchstabe und nicht als Wort empfunden wird, soll je nachdem das Großschreibzeichen (Punkte 4, 5) bzw. das Kleinschreibzeichen (Punkt 6) gesetzt werden. Zum Beispiel das Großschreibzeichen in der Redewendung "das A und O" und das Kleinschreibzeichen in "das a und o".

Warum gibt es das Divisionszeichen mit den Punkten 2, 5, 6 nicht mehr?

Zu Beginn ist es wichtig, einige Begriffe auseinanderzuhalten: Bruchstrich, geteilt durch, verhält sich zu. Für den Laien scheinen diese drei Ausdrücke dasselbe zu meinen, jedoch stecken hinter ihnen unterschiedliche Konzepte der Mathematik.

Die Schreibweise für die oben genannten Begriffe hat sich in der Schrift der Sehenden im Laufe der Jahrhunderte geändert: Fibonacci verwendete als erster den waagrechten Strich in der Bedeutung des Bruchstriches. Die älteste Verwendung des Schrägstriches als Divisionszeichen ist für 1631 belegt. Leibniz dagegen benutzte 1684 den Doppelpunkt als Divisionszeichen. Der Doppelpunkt hat sich auch als Verhältniszeichen durchgesetzt.

Die Schriften der Blinden wurden natürlich von der Schrift der Sehenden beeinflusst. Lange wurde das Zeichen 2, 5, 6 als Divisions-, Verhältniszeichen und Bruchstrich verwendet. Im „Wiener Rechenkasten“, der ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Grundschule verwendet wurde, um das Rechnen auf Papier anzubahnen, gab es den Schrägstrich als Divisionszeichen.

Je mehr man sich bemühte, durch die Brailleschrift exakt mathematische Sachverhalte darzustellen, um so notwendiger erschien es, zwischen verschiedenen Zeichen zu differenzieren. So wurde dem Bruchstrich die Punktkombination 1, 2, 5, 6 zugeordnet. Das Verhältniszeichen blieb der Doppelpunkt. Das Divisionszeichen wurde durch die Punkte 2, 5, 6 dargestellt.

Aber der Wunsch weitere Einzelheiten der Schrift der Sehenden in Brailleschrift wiedergeben zu können, führte dazu, dass das Sternchen als Markierung rechts oben oder unten am Symbol durch die Punkte 2, 5, 6 dargestellt wurde, weil auch andere Markierungszeichen (außer dem Haken der Versicherungsmathematik) einige der Punkte 2, 3, 5 und 6 enthalten. Weil ein Sternchen so gar nicht als Zeichen für eine Division passt, wurde das Zeichen 2, 5, 6 als Divisionszeichen in der neuesten Fassung der Mathematikschrift 2015 entfernt. Dass dieses Zeichen im Computerbraille den Schrägstrich darstellt, trägt hoffentlich nicht zur Verwirrung bei, wenn man weiß, dass sich auch in der Schrift der Sehenden in gedruckten Büchern der Doppelpunkt als Divisionszeichen durchgesetzt hat.

Können alle Zeichen des Unicodes in Braille wiedergegeben werden, z.B. alle Arten von Aufzählungszeichen?

Antwort: Die vier Hexadezimalzeichen, mit denen ein Unicode-Zeichen über die Tastatur eingegeben werden kann, ermöglichen es, in einer Ebene 65.536 Zeichen abzubilden. Die gesamte Unicode-Tabelle umfasst 17 Ebenen und kann daher theoretisch 1.114.112 Zeichen definieren, wobei einige Bereiche ausgespart bleiben. Das 6-Punkt-Braille lässt 64 Punktkombinationen (einschließlich des Leerzeichens) zu, bei 8-Punkt-Braille 256. Daher ist es unmöglich, mehr als 256 Zeichen eindeutig in einer Brailleform (vergleichbar dem Würfel-Sechser oder –Achter auf Papier) oder durch ein Braille-Modul (Braillezeile) darzustellen. Seit Erfindung ist im Braille-System das Prinzip verankert, Zeichen durch mehr als eine Brailleform abzubilden. Im 6-Punkt-Braille werden großgeschriebene Buchstaben durch Voranstellen einer Brailleform (Ankündigungszeichen) dargestellt.

Bis jetzt hat sich noch niemand die Mühe gemacht, allen Zeichen des Unicodes eindeutige Kombinationen von Braillezeichen zuzuordnen. Braillezeilen zeigen nicht alle Aufzählungszeichen eindeutig an, für viele gibt es jedoch eine Kurzbeschreibung durch die Sprachausgabe.

Für das 6-Punkt-Braille sind zwei Typen von Zeichen einer ungeordneten Aufzählung definiert worden. Hauptsächlich soll das Zeichen 6; 3, 6 verwendet werden. Für eine Aufzählung innerhalb einer Aufzählung ist 5; 3, 6 vorgesehen.